Fortschritt auf leisen Füßen

Samstag vormittag, Bahnhof Lüneburg. Ich war bis sechs Uhr morgens unterwegs gewesen, um mit Gleichgesinnten durch Clubs zu streifen, Frauen anzusprechen, und viele Niederlagen und wenige Siege erfahren. Ich will hier keine Worte über den Abend verlieren.

Erzählen will ich von diesem etwas trüben Samstag vormittag, als ich in die Regionalbahn Richtung Lübeck einsteige. Ich bin müde und erschöpft nach nur drei Stunden Schlaf. Ich will meine Familie treffen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland. Ich freue mich auf die Aussicht ein paar Tage nichts tun zu müssen.

Nach dem Glanz und Lärm der Freitag nacht ist das meine Realität: Eine halbleere Regionalbahn auf dem Weg nach nirgendwo.


© Reinhard Grieger/ pixelio.de

Wie ich einsteige sehe ich an einem Vierer ein blondes Mädchen Anfang zwanzig sitzen. Ich habe seit der Nacht mit keinem Menschen mehr gesprochen, ich bin nicht “im state”, fühle mich einfach nur etwas leer.

Vor einem Jahr hätte ich mich jetzt allein irgendwo hingesetzt und gedöst. Vor einem halben Jahr, hätte ich mich gezwungen,  zu dem Mädchen hinzugehen und ein Gespräch zu beginnen.

Jetzt bemerke ich etwas anderes in mir: Den Wunsch, mit ihr zu sprechen. Ich sehe vor mir die Möglichkeit die Zugfahrt entweder allein zu verbringen oder im Gespräch mit einem Mädchen. Und die zweite Option erscheint mir attraktiver.

Die Konversation selbst verläuft ereignislos. Wir reden ein wenig über unsere Reiseziele, wie wir die nächsten Tage verbringen wollen, über den neuen Batman Film. Wir haben wenig gemeinsam und keiner von uns fühlt sich besonders zum anderen hingezogen.

Aber das macht nichts. Wir haben beide entschieden, dass es auf einer Zugfahrt durch die Lüneburger Heiden nichts besseres gibt, als einen entspannten wenn auch recht langweiligen Smalltalk zu führen.

Wer das liest, wird sich vielleicht fragen: Was soll das Schweiger? Was willst du mir sagen. Du fährst durch die Lüneburger Heide und bist in einem langweiligen Set. Wann kommt die Stelle, wo ihr euch gemeinsam auf die Zugtoilette begebt, du sie dort von hinten nimmst und unter lautem Stöhnen und ekstatischen Schreien so hart gegen die Tür hämmerst, bis ein anderer Fahrgast die Notbremse zieht?

Nichts von alledem. Sie steigt zwei Stationen vor mir aus und wir verabschieden uns höflich und ohne den Austausch weiterer Kontaktinformationen. Wie ich die Zeilen hier schreibe, wird sie mich wahrscheinlich schon vergessen haben.

Ich werde sie nicht vergessen. Für mich ist die Konversation mit ihr etwas besonderes. Ein Meilenstein meiner Entwicklung, eine kleine Episode, die mir die Gewissheit gibt, dass innere Transformation nicht nur in Büchern steht, sondern wirklich möglich ist.

Ich erinnere mich an meinem ersten Lay mit Pickup vor etwa neun Monaten. Ich konnte wenig Veränderung in mir spüren. Mein Verhalten gegenüber Frauen in “normalen” Situationen war genauso bescheiden wie vorher. Wenn ich mich nicht gerade “in state” gepumpt hatte, konnte ich zwar Frauen durch bloße Willenskraft ansprechen, aber eigentlich wollte ich dann nicht mit ihnen reden.

Auf jener Zugfahrt nach Lübeck war zum ersten mal der Wunsch da, eine Konversation um ihrer selbst Willen mit einer Frau zu führen, obwohl ich nicht in Stimmung war und nicht die geringste Aussicht bestand, sie wieder zu sehen.

Mit ihr zu sprechen,  nur um mit ihr zu sprechen und nicht um irgendwie „weiterzukommen“.

Häufig zeigen sich wichtige Fortschritte nicht in den großen Sternstunden, nach einem besonders mutigen Approach oder einem Lay. Sondern in den kleinen, unscheinbaren Situationen.

Schweiger

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2 Gedanken zu “Fortschritt auf leisen Füßen

  1. Manchmal ist ein gutes Gespräch auch Gold wert und freut einem. Durch solche Gespräche wird man nämlich auch besser mit Frauen😀

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