Mein erstes Mal

Ich war 21 Jahre alt, als ich das erste Mal in meinem Leben eine Disco betrat. Ich hatte nicht dahin gewollt, aber es war der Geburtstag eines Freundes und er hatte mich solange bearbeitet, bis ich mitgekommen war.
Wir sind ordentlich angetrunken und in Feierlaune, als wir uns dem Club näherten. Nur ich nicht. Ich höre die laute Musik, sehe die Menschen vor dem Eingang. Die Leute (die meisten Studenten wie ich) lachen, freuen sich, machen Späße.

Ich gehöre nicht hier her. Ich bin ein Fremder, wo es ausgelassen zugeht. Ich bin ernst, in mich gekehrt, mag keine Menschen. Es ist nicht eine leichte Abneigung, die ich in mir spüre, als wir in die Disco reinkommen.
Für mich ist es das blanke Grauen.

Ich hasse diesen Ort, ich hasse, dass es voll und laut ist, ich hasse, dass Menschen Spaß haben. Ich setze mich irgendwo auf eine Couch und warte, dass es vorüber geht. Dass dieser Geburtstag vorbei geht und ich wieder nach hause in mein kleines mit Büchern vollgestopftes Zimmer kann.
Ich will zurück zu meinen Büchern und für meine Prüfungen lernen. Denn darin bin ich der beste. Ich blicke mich um. Ja, der beste. Während meine nichtsnutzigen Kommilitonen regelmäßig feiern gehen, rechne ich die Übungsaufgaben durch und bereite die Vorlesungen nach. Auch bei den nächsten Prüfungen werde ich wieder alle bezwingen.
Ein Mädchen setzt sich neben mich. Ich schließe die Augen. Sie fragt, ob ich schlafe. Ich schnaufe verächtlich und ignoriere sie. Eines von den dummen Mädchen, die im Matheseminar nichts verstehen denke ich mir. Was für ein Pack. Setz dich nicht neben mich.
Ich bin Schweiger. Ich rede nicht viel, aber ich kenne meine Aufgabe und mache sie besser als der Rest. Das ist mein Stolz.
……
Als ich das zweite Mal in eine Disco ging (viel später) ist mein Stolz gebrochen. Intellektuell hatte ich seitdem viele „Siege“ errungen. Aber das Mädchen, in das ich unsterblich verliebt war, hatte mich grausam abgewiesen.

Dass ich Integrale im Kopf rechnen und Aufgaben durch bloßes Hingucken lösen konnte, an denen andere Stunden verzweifelten, interessierte sie nicht.
Denn sie wollte keinen Nerd. Und das war ich. Nicht ein Nerd. Ich war der Nerd.


© bernhard_pixler/ pixelio.de

Und als ich mich langsam von meinem Liebesschmerz erholte, dämmerte in mir die Erkenntnis, dass mein Weltbild ein Loch hatte.

Ich war mit Anfang zwanzig ein Mensch, der seine Fähigkeiten und sein Leben so ungleich aufgebaut hatte, dass er zur Comicfigur geworden war. Ein Kerl, der am Geburtstag eines Freundes mit in die Disco geht und sich dort auf eine Couch setzt, um über mathematische Probleme nachzudenken.

…..
Beim zweiten Mal war ich freiwillig in die Disco gekommen. Gekommen, um Frauen anzusprechen. Gekommen, um das zu tun, was ich nie getan hatte. Gekommen, um mein Leben zu verändern.
Wie schwer das für mich ist. Ich habe nichts in der Hand. Ich bin nackt. Alle meine Kenntnisse, alle meine Fertigkeiten, die ich so mühsam aufgebaut hatte, nutzen mir hier nichts. Ich gehe von einem Mädchen zum nächsten und spreche sie auf so erbärmliche Weise an, dass sie nett reagieren. Aus Mitleid. Wer will schon eine Comicfigur schlecht behandeln.
…..
Wohin soll dieses Geschreibe über mein altes Ich führen? Ich weiß es selbst nicht genau, aber ich habe Liefner versprochen, noch heute einen Beitrag zu schreiben und ich tue es.
Was könnt ihr mitnehmen? Wenn ihr gut seid – nichts. Wenn ihr mittelmäßig seid – Weiß nicht, denkt nach. Wenn ihr hard-case-nerds seid – Hoffnung. Denn was ich gelernt habe:
Erfolgreiche Transformation wird aus dem Schmerz geboren. Und der Schmerz ist proportional zum Grad euer nerdigen eigenbrötlerischen Abgefucktheit.

Wenn ihr also echte Computernerds oder eine andere Spezies Verlierer seid, werdet ihr irgendwann an den Punkt kommen, wo der innere Schmerz so stark wird, dass ihr entweder zerbrecht oder die ungeheuren Kräfte der Veränderung freigesetzt werden.
Ironischerweise können wir im „Game“ weiterkommen als die meisten Männer. Weil die meisten Männer niemals ausreichend Motivation aufbringen werden, um besser zu werden mit Frauen. Sie haben ja schon irgendwas.
Für Euch gilt das nicht: So wie ihr jetzt seid, betrachten Frauen (jedenfalls die heißen und die wollt ihr doch auch, oder?) euer Genmaterial als wertlos.
Egal wie ihr ausseht, egal wie eure Begabung darin ist. Wenn ihr konsistent und hartnäckig Frauen ansprecht, wird der Erfolg irgendwann kommen.

Wenn ihr aber nächsten Freitag wieder zu hause bleibt, statt rauszugehen, weil ihr euch grade nicht „so gut fühlt“: Die Natur akzeptiert keine Ausreden. Seid faul und feige und Eure Gene werden ausgelöscht.

Schweiger

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Gedanken zu “Mein erstes Mal

  1. Wie alt bist Du nun? Hätte ich echt nicht gedacht, nach all den positiven Beiträgen, die du schon hier gepostet hast…

    Es würde mich auch noch interessieren, ob Du immernoch der „Nerd“ bist und deine Formeln etc. liebst und daher Dein ganzes Ego nimmst, oder ob Du Dich nun eher mit einer 1.3 zufrieden gibst, indem Du mehr Übungen rechnen musst und nicht alle Lösungen mehr „direkt siehst“ (was natürlich immernoch gut ist, aber eben nicht mehr so außergewöhnlich wie wohl zuvor).

  2. Bin 27 und fertig mit Studium. Mein Job hat wenig mit Formeln zu tun, mehr mit Menschen. Hat mir definitiv geholfen. Ich suche keine externe Bestätigung mehr (durch Noten, Erfolge im Job was auch immer). Das ist natürlich nur eine Idealvorstellung und häufig ertappe ich mich doch wieder dabei, wie ich Dingen nachjage, die mir eigentlich wenig bedeuten.

    Aber der Drang hat abgenommen und nimmt weiter ab.

  3. Okay und wie war es, als Du damals mit 21 noch im Studium warst? Hat es sich dann dazu entwickelt, dass Dir nur noch die Note wichtig war, d.h. 1.0 bzw 1.3, aber nicht, ob Du die Aufgabe mittels bloßem Hinschauen bzw. gar im Kopf gelöst hast, für die andere ewig gebraucht haben?

    Oder hast Du das damals weiterhin beibehalten (d.h. auch immer VL nachbearbeiten etc), nur ZUSÄTZLICH (und nicht anstatt der Lernerei) am WE das Partyleben kennengelernt?

  4. Es war ein sehr langsamer Prozess. Es ist der erste Schritt zu erkennen, dass man ein falsches Leben geführt hat. Aber bis wirklich Veränderungen eintreten dauert es nochmal Jahre (jedenfalls in meinem Fall), weil die alten Mechanismen und Denkmuster eine überwältigende Kraft haben.

    Soll heißen, ich habe bis zum Abschluss meines Studiums mit 24 keine fachlichen Fehler bei mir akzeptiert. Ich erinnere mich wie ich aus einer Diplomprüfung gegangen bin. Ich hatte die Bestnote geholt. Aber wegen eines kleinen Fehlers, auf den der Prof. mich später aufmerksam gemacht hatte, war ich sehr unzufrieden mit mir. Rational wusste ich, dass meine Ärger dumm und selbstzerstörerisch war. Das Gefühl kam trotzdem.

    Wie gesagt, es dauert nach meiner Erfahrung und nach allem was ich bei anderen sehe Jahre, um sich umzukonditionieren.

    Aber mach dir keine Sorgen, es geht nicht, darum wo du stehst, sondern nur um den Fortschritt. Und solange du das Gefühl hast auf einer Reise zu einem besseren Ich zu sein, bist du automatisch viel zufriedener mit dir selbst.

    Wie alt bist du denn?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s