Pickup Segnungen im Alltag I

Letzte Woche stand ich an der Pforte eines größeren Unternehmens. Man muss hier ein Formular ausfüllen, um auf das Werkgelände fahren zu dürfen. Vor mir steht der Mitarbeiter einer anderen Fremdfirma. Er mag Mitte dreißig sein. Trägt Hemd, Anzug, Designerbrille. Dr. Soundso trägt er auf das Formular ein.Er unterhält sich nebenbei mit dem Pförtner.

Der Pförtner hat keine besondere Ausstrahlung, aber Autorität dadurch, dass Leute in sein kleines Wachhäuschen kommen müssen.

Die meisten Menschen können in einer für sie gewohnten Situation mehr oder weniger selbstbewusst agieren. Wenn jemand einen festen Prozess so häufig durchlaufen hat, dass die einzelnen Schritte automatisch geworden sind, wirkt sein Handeln nach außen natürlich und sicher.

Es fängt damit an, wie der Pförtner da sitzt, wie er jeden beim Eintritt ruhig begrüßt, das Formular sauber aus dem Hefter nimmt und mit Kugelschreiber an den Gast reicht. Obwohl dieser Mann also „nur“ ein (übrigens ziemlich kleingewachsener) Pförtner ist und keine wirkliche Macht ausübt, kann die Sicherheit seiner gewohnten Umgebung in Verbindung mit einem leicht bösen Blick einschüchternd wirken.

Nicht auf mich, der jeden Monat 100 teilweise bittere Abfuhren von Frauen in Empfang nimmt. Aber zum Beispiel auf Dr. Soundso der in der Reihe vor mir steht. Seine feine Kleidung und sein „grundsätzlich höherer sozialer Status“ schützt ihn nicht davor, in dieser Situation einen deutlich niedrigeren Wert zu haben als der nicht mal besonders unhöfliche Pförtner. Dr. Soundso scheint zu glauben, er müsse dem Pförtner gefallen (muss er nicht. Der Pförtner muss und wird ihn sowieso reinlassen).

Er begrüsst ihn mit dieser überfreundlichen Stimme. Er schiebt seinen Kopf vor, versucht sich mit Komplimenten beim Pförtner einzuschmeicheln, der ziemlich zurückhaltend darauf reagiert. Zu guter letzt holt er aus seiner geleckten Ledertasche Kalender, Kugelschreiber und Feuerzeuge raus. „Falls sie damit etwas anfangen können…“ Der Pförtner nimmt die Geschenke kommentarlos, schiebt sich Kugelschreiber und Feuerzeug in seine schmutzige Jacke und legt den Kalender auf seinen Tisch. Er reicht die ausgefüllte Einfahrtgenehmigung dem Dr. Soundso und verabschiedet ihn.

industrie
© Heike / pixelio.de

Ich weiß nicht genau, was Dr. Soundso an jenen Morgen auf das Werkgelände verschlagen hat. In aller Regel kommen Fremdfirmen zu diesem Unternehmen, um teure (wirklich sehr teure) Geräte oder Dienstleistungen zu verkaufen. Vielleicht hat er Erfolg gehabt mit seinem Unterfangen, vielleicht nicht.

Ich kenne ihn nicht und mein Urteil mag vorschnell und oberflächlich sein. Ich habe in ihm einen weiteren Menschen gesehen, der durchs Leben läuft und vor allen möglichen Dingen und vor den kleinsten Situationen Angst hat. Angst davor, dass sein Plan nicht genau aufgeht. Angst davor, von einem kleinen Pförtner unhöflich behandelt zu werden.

Wir reden in Pickup viel darüber, dass man sich den Respekt einer Frau nicht durch Komplimente oder Geschenke kaufen kann. Man kann sich den Respekt keines Menschen erkaufen, indem man sich verstellt oder ihm ein paar Werbegeschenke gibt. Ich weiß, dass der Pförtner zu mir deutlich höflicher war, obwohl ich mit leeren Händen gekommen war und ihm nur ein schwaches Lächeln und ein kurzes „Guten Morgen“ geschenkt habe.  Weil ich ihn respektiert habe, es mir aber gleichzeitig egal war, ob er mich mag oder nicht.

Pickup Segnungen im Alltag I: Durch ständige Abfuhren so gleichgültig zu werden, dass einem die Meinung Fremder gleichgültig wird und man daher frei ist, sie respektvoll zu behandeln, ohne insgeheim eine Gegenleistung zu erwarten.

Schweiger

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