Nochn flake

Heimfahrt von der Familie nach Weihnachten. Abschalten fällt mir sehr schwer. Ich habe über Weihnachten nichts für meine Weiterentwicklung getan. Nur gegessen und rumgehangen. Rational weiß ich, dass das in Ordnung ist, ja der Mensch solche Phasen sogar braucht. Trotzdem bin ich unzufrieden mit mir und nörgel im Zug gedanklich vor mich hin.

Ich sitze auf einem Zweier. Auf der anderen Seite und nach hinten versetzt fällt mir ein Mädchen auf, das mir sehr gefällt. Der Zug ist voll. Um sie herum überall Leute. Ich will es trotzdem tun. Es geht mir nicht um sie als Person. Aber ich weiß, wenn ich sie in dieser schwierigen Situation anspreche, werde ich wachgerüttelt, ich werde fokussiert und mein Tag bekommt gewissermaßen seine eigene Melodie.

Ich geh hinten in den Gang rein, überleg kurz und tippe dann in mein Handy: „Ich weiß es ist verrückt. Aber ich finde dich schön und möchte gern mit dir sprechen :)“ Eine Harakiri Aktion mit minimaler Chance, dass sie sich darauf einlässt. Aber in solchen Situationen ist die einzige Messlatte für Erfolg die Tat selbst. Ich gehe zu ihr, sage „Hi“ und halte ihr das Handy hin. Sie nimmt es, liest den Text, gibt mir das Handy zurück, sagt trocken „Nein Danke“. Keine 5 Sekunden hat es gedauert und doch fühle ich mich beim Hinsetzen wie ein Fürst. Der kleine Adrenalinschock hat mich auf einen Schlag aus diesem dämmrig-unzufriedenen Halbschlaf erwacht, in dem die meisten Menschen durch ihr gesamtes Leben gehen.

Ich hörte mal den Satz, es gäbe zwei Wege sich selbst zu finden: Durch Aktion (= ständiges Leben am eigenen Abgrund) und durch Kontemplation (= nichts tun, in sich hineinhorchen, die kleinen Dinge genießen, meditieren, jeden Augenblick bewusst wahrnehmen). Ich meditiere jeden Tag und merke, dass es mir hilft, meinen Verstand zu Ruhe zu bringen und bewusster einzusetzen. Aber der weitaus mächtigere Weg für mich (und ich bin überzeugt für jeden jungen Mann) ist die Aktion. Der Wille, ständig in neues Territorium vorzudringen.

Der Körper belohnt Mut mit positiven Emotionen und einem höheren Grad an innerer Freiheit. Je älter man wird, desto wichtiger wird der zweite Weg, die Kontemplation und die Aktion rückt weiter in den Hintergrund. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann mal tagelang auf einem Baumstamm oder einem Felsen zu sitzen und nichts zu tun als zu lauschen und die Natur zu beobachten.

Ole Oberländer / pixelio.de

Ole Oberländer / pixelio.de

Aber nicht jetzt. Nicht solange ich jung bin und mein Schwanz noch einwandfrei funktioniert. Die Jahre ticken sowieso gnadenlos schnell runter und ich will meine restliche Jugendzeit nicht in „schweigender Demut vor der Schönheit des Universums“ verbringen. Wenn ich von jungen Männern höre, die diesen Weg für sich wählen, habe ich daher zwar Respekt vor ihrer Hingabe, denke aber dass sie einfach die zeitliche Reihenfolge vertauschen und sich vieler Einblicke berauben. Massive Aktion sollte das Credo eines Mannes in der ersten Hälfte seines Lebens sein.

Genug abgeschweift. Stunden später an meinem letzten Umstiegsbahnhof habe ich immer noch Rest-Moment aus meinem gescheiterten Zug-Approach. 20 Minuten bevor der Zug kommt. Unruhig streife ich durch den Bahnhof auf der Suche nach einem Set. Da steht sie, direkt vor der Anzeigetafel und blickt verträumt hinauf. Ein blonder blauäugiger Engel mit einer viel zu großen Mütze, obwohl es gar nicht mehr so kalt ist. Ich stehe normalerweise auf Brünetten, aber von ihr kann ich den Blick kaum wenden.

Ich mag es, wenn Frauen etwas „verschlampt“ aussehen. Aber ich mag auch die Sorte „scheues Reh“. Ich gehe in grader Linie auf sie zu. Bleib 2 m vor ihr stehen (es ist Mitternacht auf einem Großstadtbahnhof, da wahre ich lieber größere Distanz), zeige auf meine Müllermilch und sage: Kennst du schon diese Müllermilch Blutorange? Es gibt keine bessere!!

Sie lacht sofort und sieht mich vorsichtig an. Ich frage, wo sie hinfährt. Oh, gleicher Zielort wie ich. Noch 15 Minuten, bis der Zug kommt. Wenn es gut läuft, darf sie später mit mir in einem Vierer sitzen, denk ich mir. Und es läuft gut. Wir reden über Weihnachten, mißglückte Geschenke, Burger King blablabla. Als der Zug kommt dirigiere ich sie zu einem Vierer. Ich kann meine Augen kaum von ihr lassen. Sie ist schon Anfang 20, hat sich aber etwas so mädchenhaft unschuldiges in ihrem Blick und ihrem Lachen bewahrt. Ich nenne sie wegen ihres Blicks „mein Almmädchen“. Sie mag es. Der Vibe ist gut. Es gibt nicht viele Mädchen, wo ich mir sicher bin, dass sie mich wirklich mögen. Bei ihr weiß ich es.

Die 45 Minuten Fahrt vergehen viel zu schnell. Als wir uns verabschieden, muss ich denken, dass es das beste Set seit langem war. Wer weiß. Sie ist so eine, für die ich meine Pickup Stiefel vielleicht sogar an den Nagel hängen würde. Sie wäre das Mädchen an meiner Seite. Schweigers Mädchen. Schweigers Almmädchen. (ja auch ich trage manchmal needige, romantische Gedanken in mir).

Am nächsten Tag schreibe ich ihr. Sie schreibt nicht zurück. Ich versuche nicht, es zu verstehen. Das Leben ist ein Fluss. Eine Aneinanderreihung zufälliger Ereignisse. Leiste keinen Widerstand (Liefners Signatur).

Es ist einfach das: Nochn Flake.

2013 kommt. Weiter gehts.

Schweiger

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