Karneval

Ich bin nicht unbedingt qualifiziert über Karneval zu schreiben. Ich wurde in dem Teil Deutschlands groß, wo man Fasching statt Karneval sagt und nicht so sehr aus sich heraus geht.Mich zu verkleiden war mir als Kind immer ziemlich unangenehm.

Mit 12 Jahren hat es mich dann in eine Karnevalshochburg im Rheinland verschlagen. Ich wollte nie mitmachen. Ich habe in den 7 Jahren bis zum Abitur an Karneval nie das Haus verlassen. Während meine Klassenkameraden ab Fettdonnerstag dauerbetrunken waren und die Stadt unsicher machten, bin ich nach hause geflohen, um dort mein einsames und recht trauriges Dasein zu fristen.

Ich konnte die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit auf den Straßen nicht ertragen.

Ich weiß noch genau, wie ich mich fühlte, wenn der Ruf „Polonaise“ durch die Klasse ging und alle aufsprangen, um einen Zug zu bilden und dieses Lied zu singen. Dieses Lied…. Wie sehr habe ich es gehasst (daran hat sich bei aller Weiterentwicklung übrigens wenig geändert…). Ich bin nicht selten als einziger sitzen geblieben, während die quiekende Masse ihre Bahnen durch das Klassenzimmer zog und schließlich in den Gängen unseres ehrwürdigen Gymnasiums verschwand.

Gerd Altmann  / pixelio.de

Gerd Altmann / pixelio.de

Some things have changed since those years

Liefner und ich treffen uns am Bahnhof. Ich bin nicht verkleidet, Liefner als Zuhälter mit lächerlicher weißer Lederjacke und Schuhen. Da steht die Straßenbahn, die uns zum Umzug befördern wird. Davor eine Gruppe mit 6 Frauen. Rote Perücken und Röcke. Sie bilden einen Kreis.

Liefner gibt mir die erste Herausforderung des Tages: Make out Versuch bei einer von ihnen! Leicht fällt es mir nicht. Es sind wenig Leute am Bahnhof, keine Stimmung und ich bin noch nicht im Fluss. Aber 1 Jahr Game mit Liefner macht hart. Ich gehe auf den Kreis zu, stelle mich mittenhinein, werfe die Arme nach oben und beginne mich um meine Achse zu drehen. Es muss ein sehr lächerliches Bild nach außen abgeben.  Dabei rufe ich laut „Helau“. Ich schaue jeder Frau tief in die Augen und stoppe meine Drehung vor der, die mir am besten gefällt. Ich gehe einen kleinen Schritt auf sie zu. „So feiert man in Köln“ (Ich war noch nie in Köln an Karneval).

Ich ziehe ihren Kopf mit beiden Händen heran und küsse sie. Sie ist so perplex, dass sie es einfach geschehen lässt. Wir unterhalten uns mit dem Set, bis die Straßenbahn kommt. Sie glauben natürlich, wir wären betrunken. Welcher normale Mensch macht so einen Müll schon im nüchternen Zustand. Die Aktion gibt mir Momentum für die nächsten Stunden.

4 Stunden lang extrem aggressives und unsolides Game. Liefner und ich laufen den Zug entlang, sprechen jede halbwegs gutaussehende an. Opener für diese Situationen: „Deine Verkleidung ist so gut!“ sofort Umarmen. Dabei rufen: „Du bist mein/e <<Verkleidung einsetzen>> (Biene Maja/Pirat/ Pumuckel/Müllsack/Cowgirl/Tampon…)“. Frau herumwirbeln, zum Makeout ansetzen, oder wonach auch immer man sich gerade fühlt.

Hochheben und weglaufen ist lustig, wenn die Freundinnen Schwierigkeiten machen. Meistens fangen alle an so zu lachen, dass sie nicht schnell genug hinterherkommen, um ihre Freundin aus meinen Klauen zu retten. Na gut, ein Obstacle ist schneller als ich, entreißt mir die Beute und tritt mir anschließend mit dem Knie in den Unterlaib.

Aber das ist die Ausnahme. Die verrückteste Aktion ist an Karneval die vielversprechendste. Karneval ist eine Art rechtsfreier Raum. Solange die Leute glauben, es wäre Spaß, ist alles erlaubt.

Zwischendurch in MacDonalds und Burger King aufwärmen. An jeden Tisch dazusetzen und irgendeinen Müll erzählen. Es ist heller Tag aber kein Daygame. Daygame ist schnell creepy, weil unnormal und sozial wenig akzeptiert. An Karneval gibt es nichts Unnormales. Ich schwenke eine Tafel Luftschokolade und erzähle, wie ich sie einem kleinen Jungen weggenommen habe (habe ich natürlich nicht!). „Sie lag auf dem Boden und seine kleine Hand streckte sich sehnsüchtig danach aus. Aber ich war schneller“. Psycho? Nicht an Karneval. Alle lachen.

Ein wirklich hübsches Mädchen erzählt, wie ihr Freund sie mit einer 55jährigen betrogen hat. Sie ist 20 und bricht in Tränen aus. Naja, vielleicht sind doch ein paar Sachen Psycho an diesem Tag.

Wo bleibt der Lay? Gabs nicht. Wir hatten in den vier Stunden gestern mehr Spaß als alle Betrunkenen zusammen. Für mich ein großer Durchbruch, weil ich nie gedacht hätte, dass ich einmal gerade an Karneval auf meine Kosten kommen würde.

Nächstes Jahr wird der Spaßfaktor mit einigen Quäntchen solidem Game und verbesserter Logistik angereichert.

Ich bin mir sicher, Karneval wird noch mein Fest werden.

Schweiger

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5 Gedanken zu “Karneval

  1. Also ich muss euch jetzt mal echt ein grosses Kompliment machen. Ich bin hier in Australien und fernab von der kalten Schweiz schwirren so manche heisse Bräute umher. Doch so „erfolgreich“ bin ich noch nicht und darum gings erst mal ab auf google.com. Irgendwie bin ich auf diesen Blog gestossen… RESPECT!
    Seit diesem Besuch ist euer Blog einer meiner Startseiten die ich täglich checke. Genau IHR habt mir die Augen geöffnet und ich denke ich bin nicht der einzige. Vielen Dank!🙂

  2. Alter krass. Habe eben deinen Eintrag mit den Haaren gelesen schweiger..
    Respekt für die Entwicklung und den Mut, immer wieder aufs neue rauszugehen.

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