Keine Lust

Kürzlich habe ich ein Kompliment in meinem Job bekommen: Sie verstehen es, sich selbst zu motivieren. Bei Komplimenten sage ich entweder gar nichts oder ein knappes Danke. In diesem Fall habe ich nichts entgegnet. Denn es stimmt einfach nicht. Ich bin sehr selten motiviert.

Wie ich jetzt hier an meinem Tisch sitze, ist alles leicht unaufgeräumt, verstaubt. Räumlich, aber auch mein innerer Zustand. In meinem Mund ist der bittere Nachgeschmack von Kaffee, den ich für gewöhnlich mit einem Bonbon bekämpfe. Aber jetzt bin ich einfach zu gleichgültig mir eins zu holen. Ich sitze und tippe ein wenig in meine Tastatur. Nicht weil ich Lust dazu hätte.

Ich spüre in diesem Moment keinen Drang, „die Welt bei den Eiern zu packen“ oder „ die Frucht des Lebens zu stehlen und den süßen Nektar bis zum letzten Tropfen herauszusaugen“. Ich bin nicht unzufrieden. Ich bin nur gleichgültig und lustlos. Wenn ich meinem Zustand eine Farbe geben müsste, wäre es jenes Grau, das mein Schreibtisch zu Studienzeiten hatte, an dem ich ungezählte Stunden verbracht habe.

Tatsächlich ist diese Lustlosigkeit mein grauer Grundzustand, in den ich immer wieder zurück falle.

grau Achim Benke / pixelio.de

Achim Benke / pixelio.de

Aber es ist mir egal, dass ich lustlos bin. Vor Pickup habe ich von meinem momentanen Gemütszustand Rückschlüsse auf mein ganzes Leben gezogen. Ich würde nun hier sitzen, hinausschauen und denken: Ich fühle mich lustlos und grau. Also ist mein Leben lustlos und grau. Dies hätte eine Spirale trüber Gedanken in Gang gesetzt, an deren Ende ich mich wirklich niedergedrückt gefühlt hätte. Möglicherweise über Wochen.

Durch Pickup habe ich gelernt, Stimmungen als solche zu erkennen und hinzunehmen. Ich weiß nicht nur auf einer rationalen, sondern emotionalen Ebene, dass ich diesen Zustand spätestens heute nacht verlassen werde, wenn ich mit Liefner durch die Clubs ziehe.

Motion creates Emotion.

Für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse durch Pickup: Bestimmte Handlungen (in Club gehen, Approachen) rufen in mir bestimmte Emotionen hervor unabhängig von meinem emotionalen Anfangszustand. Vereinfacht gesagt: Es spielt keine Rolle wie ich mich am Anfang eines Abends fühle. Das klingt trivial und nach Binsenweisheit. Wenn du dich schlecht fühlst, mach, was dir Spaß macht. Die meisten Weisheiten sind einfach. Wir haben sie schon tausendmal gehört und sind doch häufig unfähig danach zu leben.

Und weil ich weiß, dass mein momentaner Gemütszustand letztlich bedeutungslos ist, fällt es mir leicht, Dinge zu tun, die seiner eigentlichen Natur widerstreben.

Beispiel: Die meisten Leute können und werden nicht arbeiten, wenn sie lustlos sind. Es sei denn sie werden durch äußere Umstände dazu getrieben (Chef im Nacken usw.). Andere, vor allem ambitionierte Menschen, spüren die eigene Lustlosigkeit und ärgern sich über ihren Zustand. Sie haben sich vorgenommen „weiterzukommen“ und können nicht verstehen und sich nicht vergeben, dass ein Teil von ihnen nur dasitzen und in Trägheit verharren will.

Sie zwingen sich dann, die gesteckte Aufgabe trotzdem auszuführen. Dadurch baut sich innerer Widerstand und Stress auf, die langfristig so mächtig werden können, dass das Individuum an seine Grenzen gelangt. Dann kommen Sätze wie „Ich kann nicht mehr“. „Ich habe mich einfach übernommen“ usw.

Ich habe früher zu dieser Sorte gehört. Nach wie vor bin ich sehr ambitioniert in den meisten Bereichen meines Lebens. Aber ich erwarte nicht, dass alle Teile meines Selbst jederzeit mitziehen wollen, wenn ich weiter will. Ich kann metaphorisch gesprochen meinen lustlosen Teil auf einer Parkbank absetzen und einen Baum anstarren lassen, während die andere Hälfte das tut, was im Sinne meiner Ziele notwendig ist.

Heißt: Ich mache einfach das Notwendige, wenn es so ist, dann eben langsam, lethargisch, roboterhaft. Aber ich mache es. Habt ihr schonmal einen Menschen bei der Arbeit zugesehen. Auf seinem Gesicht dieser Ausdruck absoluter Lustlosigkeit und jeden einzelnen Arbeitsschritt so desinteressiert und mechanisch ausführend, dass euch der Anblick fast geärgert hat? Vielleicht bin ich das gewesen.

Schaut auf den Fluss oben. Wie trübe ist sein Wasser. Wie träge schlängelt er sich durch die graue und karge Landschaft. Und doch. Wenn er es nicht täte. Wenn er stillstehen würde. Wie könnte er hunderte Kilometer weiter zu einer so mächtigen und berauschend schönen Naturgewalt anwachsen?

Jerzy Sawluk / pixelio.de

Jerzy Sawluk / pixelio.de

Akzeptieren, was ist und trotzdem immer weiterlaufen.

Schweiger

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5 Gedanken zu “Keine Lust

  1. Mir geht es eigentlich genauso.
    Von Natur aus bin ich ein sehr unmotivierter Mensch, der Jahre damit verbracht hat vorm Fernseher oder Laptop zu hocken.
    Zwar hab ich für Pick Up eine starke Motivation entwickeln können, in den meisten anderen Lebensbereichen werde ich aber nur von meiner Willenskraft getragen.

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