Götterdämmerung

Ich wollte immer zu Helden aufschauen. Als ich gerade Lesen gelernt hatte, schenkte mein Vater mir die Nibelungensage. Der Held dort ist Siegfried. Siegfried zieht von zuhause aus, schmiedet in den Wäldern das sagenumwobene Schwert Balmung und tötet damit den Drachen Fafnir. Er badet in Fafnirs Blut und wird dadurch unverwundbar.

Bis auf eine kleine Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die sich unbemerkt ein kleines Lindenblatt gelegt hatte…

Nach vielen weiteren Abenteuern wird Siegfried im ganzen Land gefürchtet und verehrt. Auch hunderte Jahre später von einem kleinen Jungen, der auf seiner Fensterbank sitzend mit zitternden Händen Seite um Seite verschlingt.

Siegfried war eine Ikone für mich. Er war alles, woran ich in diesen Tagen meiner ersten größeren Lektüre glaubte.

Aber Siegfrieds ständig wachsender Ruhm wurde im Königreich Burgund auch mit Argwohn betrachtet. Hagen, der treue Diener König Gunthers, beschließt Siegfried hinterlistig zu töten, um die Gefahr von seinem Herren abzuwenden. Im Odenwald stößt er Siegfried einen Speer in den Rücken. An die eine durch das Lindenblatt verwundbare Stelle.

In meinem Buch war eine Abbildung davon. Ich sehe sie noch heute, 20 Jahre später, gestochen scharf vor mir. Die Szene hat mich damals mit solcher Macht getroffen, dass sie sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Siegfried liegt am Boden, im Todeskampf nur noch auf einen Ellenbogen gestützt. Aus seinem Rücken ragt ein abgebrochener Speer und eine gewaltige Blutlache bedeckt den Waldboden. Hagen mit der anderen Hälfte des Speeres hinter dem sterbenden Siegfried…

Ich habe stundenlang geweint nach Siegfrieds Tod. Ich weiß noch wie ich ziellos in unserem Haus umhergeirrt bin und mit niemandem reden wollte.

Uuuuh. Ganz schön finster und unnormal oder? Nicht so sehr eigentlich. Alle Menschen, Kinder wie Erwachsene, sehnen sich permanent nach irgendwelchen Helden. Nach dieser Lichtgestalt, die einfach kommt und alles Schlechte mit seinem Feuerschwert bekämpft. Märchen, Sagen, Filme, Computerspiele, Fußballspieler, Politiker, Comics – überall taucht immer irgendwann ein Held auf. Mal plump, mal subtil. Aber ohne geht es selten.

Rainer Häufele / pixelio.de

Rainer Häufele / pixelio.de

Auch im Alltag. Habt ihr mal andere (oder euch selbst) beobachtet, wie sie über die Fähigkeiten anderer Personen reden? Im Normalfall werden andere entweder deutlich schlechter gemacht als sie sind (Sehnsucht nach Negativität und Selbstaufwertung) oder in den Himmel gehoben (Heldenverehrung). Ich selbst habe diese Tendenz jahrelang extrem in mir getragen. Wenn ich beschlossen hatte, dass jemand für mich als Held taugte, blendete ich alle negativen Züge in seinem Charakter aus und ließ die guten dafür umso stärker hervortreten.

Das Gleiche mit Pickup. Immer wieder hört man unglaubliche Geschichten von Verführern, die offenbar mit gottesähnlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Sie gehen in den Club und erlegen die Hotties im Rudel, während der Himmel sich auftut und Blitze aus ihrem Arsch schießen. Zum Teil sicher Marketing. Häufig aber befeuern die Verehrten den Glauben nicht einmal selbst. Vielmehr ist es so, dass andere, weniger erfolgreiche PUAs diese Geschichten mystifizieren und verbreiten.

Meine Theorie: Sie tun das aus ihrer Sehnsucht heraus, auch auf diesem Teil ihres Lebens zu einem Helden aufschauen zu können.

Das Problem mit Helden: Ein Held ist etwas anderes als ein Vorbild. Von einem Vorbild versucht man zu lernen. Das Vorbild ist weit voraus, aber doch irgendwann erreichbar. Wenn ein Vorbild etwas erreicht, spüren wir den Drang es ihm nachzutun.

Mit Helden ist es anders. Helden sind unerreichbar. Was Helden tun, können wir nicht. Sie sind von einem edleren Stamm, haben irgendwie bessere Gene als der Rest. Wir genießen einfach ihre Geschichten, fantasieren darüber in Foren und tun ansonsten nichts. Das ist nicht für uns.

Helden sind eine Ausrede für eigene Erbärmlichkeit.

Es gibt keine Helden. Auf keinem Gebiet und erst Recht nicht in Pickup. Neil Strauss ist kein Held, David DeAngelo ist kein Held, Liefner ist kein Held.

Nur Schweiger ist ein Held. Hahaha

Helden sind mentale Konstrukte, die uns daran hindern, unser Potential auszuschöpfen. Helden sind ein ernsthafter Sticking Point. Den Glauben an Helden abzulegen ist ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens.

Wer sind deine Helden?

Töte sie heute. Finde die Stelle mit dem Lindenblatt. Nimm einen Speer und ramm ihn Siegfried zwischen die Schulterblätter.

Wenn du deine Helden danach noch magst, mach sie zu Vorbildern.

Amen

Schweiger

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